In diesem Interview sprechen wir mit Olesja darüber, was es für sie bedeutet, das Leben bewusst zu genießen: über Vorfreude, kleine Rituale, Dankbarkeit, Zeitgefühl und darüber, wie sich der Blick auf Genuss im Laufe des Lebens verändert. Ein Gespräch über Achtsamkeit im Alltag, über bewusste Entscheidungen – und darüber, wie viel Schönheit in den scheinbar kleinen Momenten steckt.
Was bedeutet es für dich, etwas zu genießen?
Genießen bedeutet für mich vor allem, keinen Druck zu haben. Keinen Zeitdruck, keinen Leistungsdruck, kein Gefühl, abliefern oder Ergebnisse produzieren zu müssen. Ich orientiere mich nicht daran ein konkretes Ziel zu haben, sondern daran, etwas einfach laufen zu lassen. Fließen zu lassen. Ohne Hintergedanken, ohne innere Grenzen, die einen daran hindern, wirklich im Moment zu sein.
Für mich heißt Genießen auch, mich auf eine Sache konzentrieren zu können und mir diesen Moment selbst zu gönnen – ohne schlechtes Gewissen. Und wenn es richtig gut tut, entsteht dieses ganz bestimmte Gefühl: dieses tiefe, ruhige Glück, bei dem man automatisch die Augen schließt, weil es sich so gut anfühlt. Dieses schwerelose Gefühl voller Dankbarkeit und Zufriedenheit. Wenn die Seele einfach glücklich ist. Das ist für mich Genuss.
Und dieser Genuss kann ganz unterschiedlich entstehen. Durch etwas ganz Einfaches, wie eine richtig gute Erdbeere mit Schokolade. Oder indem man einfach in die Natur schaut – in die Berge, aufs Meer, in die Ferne. Es ist dieses tiefe Gefühl, wenn die Seele fühlt und man merkt: Mir geht es gerade wirklich gut.
Was sind kleine Dinge in deinem Alltag, die dein Leben sofort leichter oder schöner machen?
Die kleinen Dinge sind oft ganz unspektakulär. Ganz ehrlich: Wenn ich daran denke, dass ich gleich meinen nächsten Kaffee trinken kann, bekomme ich sofort gute Laune. Egal, was gerade los ist – sobald ich weiß, dass bald Kaffeezeit ist, hebt sich meine Stimmung. Diese kleine Vorfreude trägt mich oft durch den ganzen Tag.
Genauso ist es mit dem Gedanken an den Abend. Wenn ein Tag schwer war, voller To-dos, Termine und Gespräche, hilft mir die Vorstellung von dem Moment, wenn alles ruhiger wird. Wenn die Kinder satt, sauber, glücklich und schlafend im Bett liegen und ich einfach mein Buch lese. Allein diese Vorfreude gibt mir schon tagsüber Kraft.
Auch Musik ist für mich etwas ganz Zentrales. Sie lenkt mich ab, holt mich emotional ab oder berührt mich genau da, wo ich gerade stehe. Musik, Bücher und Kaffee – das sind meine drei Anker. Dinge, die mich immer wieder neutralisieren, egal in welcher Stimmung ich bin. Gerade dann, wenn es besonders schwer ist.
Wie hat sich deine Sicht auf das Leben und auf „Genuss“ über die Jahre verändert?
Meine Sicht hat sich stark verändert – vor allem seit ich Mama bin. Seit über sechs Jahren priorisiere ich anders. Der Alltag braucht Struktur und Organisation. Ich mag mich heute mehr als früher. Nicht, weil ich vorher unzufrieden war, sondern weil ich heute strukturierter, klarer und zufriedener mit mir selbst bin.
Mit Kindern verändern sich Zeitgefühl und Verantwortung. Ihre Bedürfnisse stehen an erster Stelle, und alles andere ordnet sich darum herum. Ich orientiere meinen Alltag stark an ihren Rhythmen – und genau dadurch habe ich das Gefühl, heute sogar mehr zu schaffen als früher.
Vor der Zeit mit Kindern habe ich oft einfach in den Tag hineingelebt, spät mit der Arbeit begonnen und abends bis tief in die Nacht gearbeitet. Am Ende war ich unzufrieden, weil ich das Gefühl hatte, allen hinterherzuhinken. Heute ist das anders. Durch Struktur und Verantwortung arbeite ich bewusster.
Wie gehst du mit Phasen um, in denen sich das Leben nicht leicht oder genießbar anfühlt?
Ich versuche, mich in solchen Phasen nicht komplett von meinen Emotionen leiten zu lassen – auch wenn das natürlich nicht immer gelingt. Ich erinnere mich bewusst daran, dass auch diese Phasen zum Leben dazugehören. Es kann nicht immer nur Hochs geben. Ich sage mir oft: *No rain, no flowers.*
Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich für mich der eigene Charakter. In guten Zeiten ist es leicht, positiv zu sein. Aber wenn es schwierig wird, zeigt sich, wie achtsam, geduldig, dankbar und zuversichtlich man wirklich ist. Genau dort passiert Wachstum.
Auch dann versuche ich, den Blick auf das Positive zu richten. Denn selbst in schweren Phasen gibt es immer etwas Gutes – manchmal klein, manchmal leise, aber es ist da.
Gibt es einen Trick, um Dinge sofort mehr zu genießen?
Für mich ganz klar: Vorfreude. Egal, wie mein Tag aussieht – ich habe fast immer etwas, worauf ich mich freue. Einen Kaffee, ein Buch am Abend, einen Urlaub, ganz egal wann. Diese Vorfreude gibt mir so viel Euphorie, dass sie mich durch viele Situationen trägt.
Wenn ich Kopfschmerzen habe, denke ich mir: Das geht auch wieder vorbei. Ist halt manchmal so. Oder wenn ein Arbeitstag richtig unangenehm war, sage ich mir: Heute war einfach ein schlechter Tag. Die meisten sind gut. Am Abend ist der Tag vorbei, ich lese mein Buch, komme wieder bei mir an – und morgen ist ein neuer Tag.
Genießen hat für mich auch viel mit der Entscheidung zu tun, mir diese Vorfreude bewusst zu machen und Alltägliches zu romantisieren.
Was hat das Muttersein – und gleichzeitig Unternehmerin zu sein – an deinem Genuss verändert?
Früher dachte ich, ich brauche einen ganzen Tag, um wirklich genießen zu können. Einen Tag zum Shoppen, Kaffee trinken, durch die Stadt laufen. Heute brauche ich das nicht mehr.
Heute reichen mir oft 30 Minuten. Eine halbe Stunde mit einem Kaffee, einem Buch oder einem Vlog – und ich bin glücklich. Diese kleinen Zeitfenster nehme ich heute viel bewusster wahr und schätze sie mehr. Ich kann davon oft noch lange zehren.
Der Fokus hat sich einfach verschoben. Ich brauche weniger Zeit, um mehr zu fühlen.
Welche Rolle spielen Rituale und Routinen dabei?
Ich unterscheide klar zwischen Ritualen und Routinen. Rituale sind besondere Momente – zum Beispiel an Weihnachten „Kevin allein zu Haus“ zu schauen. Das macht man nicht ständig, und genau deshalb ist es ein Highlight.
Routinen dagegen sind Dinge, die automatisch ablaufen, wie Zähneputzen. Man denkt nicht mehr darüber nach – und genau das ist ihr Vorteil. Sie nehmen uns mentale Arbeit ab.
Deshalb finde ich Routinen so wertvoll, vor allem bei Dingen, die das Leben qualitativ besser machen. Schreiben, Lesen, rausgehen. Wenn diese Dinge zur Routine werden, geben sie Stabilität, Zufriedenheit und ein gutes Grundgefühl. Und genau dadurch kann ich andere Dinge im Leben bewusster wahrnehmen.
Was darf man deiner Meinung nach viel öfter im Alltag romantisieren?
Ganz ehrlich: alles. Es hängt nicht von äußeren Umständen ab, sondern davon, worauf wir unseren Fokus richten. Wenn wir das schätzen, was wir haben, und es bewusst gestalten, wird das Leben spürbar schöner.
Das kann die schönste Kaffeetasse sein, nicht der kürzeste Weg zur Arbeit, sondern der schönste oder ein kleiner Styling-Akzent. Dafür braucht es kein zusätzliches Geld – nur Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.
Was sagst du Menschen, die sagen: „Ich habe keine Zeit“?
Ich weiß, das ist ein sensibles Thema. Viele haben objektiv wenig Zeit. Trotzdem glaube ich, dass es stark davon abhängt, wie bewusst wir mit unserer Zeit umgehen.
Ich lese nicht viel, weil ich viel Zeit habe, sondern weil ich meine Zeit bewusst einsetze. Fünf Minuten können unglaublich wertvoll sein, wenn man sie achtsam nutzt. Zeit ist für mich wie Geld – man sollte wissen, wofür man sie ausgibt. Ein Blick auf die Screen-Time ist oft sehr hilfreich.
Manchmal geht es auch darum, Aufgaben abzugeben und sich Unterstützung zu holen, um Raum für das zu schaffen, was wirklich guttut.
Am Ende läuft für mich alles auf dasselbe hinaus: bewusster leben, präsenter sein und die eigenen Tage aktiv gestalten. Nicht perfekt, nicht optimiert – sondern ehrlich. Genau dort beginnt für mich echtes Genießen.





